____ _ _ _ _
| _ \ ___ | |_ (_) _ __ ___ __| | (_) __ _
| |_) | / _ \ | __| | | | '_ \ / _ \ / _| | | | / _ |
| _ < | __/ | |_ | | | |_) | | __/ | (_| | | | | (_| |
|_| \_\ \___| \__| |_| | .__/ \___| \__,_| |_| \__,_|
|_|
- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b- `b
ÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻÂŻ
Charlie Hebdo
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
top
Charlie Hebdo (Aussprache [ÊaÊli ÉbËdo]) ist eine französische Satirezeitschrift. Sie wurde zunĂ€chst von 1970 bis 1981 publiziert und erscheint seit 1992 wieder mit einer regulĂ€ren, wöchentlichen Druckauflage von rund 60.000 Exemplaren in Paris. Der Name âCharlieâ stammt von der Comicfigur Charlie Brown von den âPeanutsâ und verweist auf die UrsprĂŒnge der Zeitschrift im Bereich der Comic-Magazine bzw. PrĂ€sident Charles de Gaulle,cite-ref-lemonde-20060214-3-0[3] âHebdoâ ist die im Französischen gelĂ€ufige AbkĂŒrzung fĂŒr hebdomadaire (deutsch: Wochenzeitschrift, Wochenblatt).cite-ref-4[4]
Charlie Hebdo wird in Ăbereinstimmung mit ihrem SelbstverstĂ€ndniscite-ref-5[5] dem politisch linken Spektrum zugeordnet.cite-ref-faz-13357436-6-0[6] Eine anfĂ€nglich linksradikale Orientierung wurde aufgegeben und man bewegte sich bei vielen Themen in die politische Mitte. Der das Profil prĂ€gende scharfe Laizismuscite-ref-7[7] und Antiklerikalismus wurde beibehalten.cite-ref-8[8] Die Zeitschrift wurde unzĂ€hlige Male â zumeist erfolglos â von rechtsextremen Politikern, Journalisten und religiösen Organisationen verklagt.cite-ref-9[9]
Bei einem Terroranschlag auf das RedaktionsbĂŒro von Charlie Hebdo am 7. Januar 2015 wurden zwölf Menschen, darunter fĂŒnf prominente Karikaturisten aus dem Redaktionsteam der Zeitschrift, einschlieĂlich der Herausgeber,cite-ref-10[10] und somit ein GroĂteil der Redaktion ermordet.cite-ref-11[11]
Contents
âą Geschichte
⹠AnfÀnge
âą Wiederbelebung
âą Anschlag 2015
âą Rezeption
âą Literatur
âą Weblinks
âą Einzelnachweise
ââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââââ
Geschichte
AnfÀnge
Die VorgĂ€ngerzeitschrift von Charlie Hebdo, das Wochenmagazin Lâhebdo Hara-Kiri, ging 1969 aus dem seit 1960 monatlich erscheinenden anarchistischen Magazin Hara-Kiri hervor, das zeitweilig verboten war; einer der GrĂŒnder war François Cavanna. 1986 wurde das Monatsmagazin Hara-Kiri aus Mangel an Lesern eingestellt. Nachdem 1970 die parallel zu Hara-Kiri erscheinende, wöchentliche Ausgabe Lâhebdo Hara-Kiri verboten wurde, grĂŒndeten die ursprĂŒnglichen Mitarbeiter von Hara-Kiri das Wochenmagazin Charlie Hebdo, dessen Name an das Monatsmagazin Charlie mensuel angelehnt war.cite-ref-lemonde-20060214-3-1[3]
Wegen fehlender Finanzierung wurde die wöchentliche Ausgabe 1981 nach dem Erscheinen der Nummer 580 eingestellt.cite-ref-12[12]
Wiederbelebung
1992 wurde die Redaktion von Charlie Hebdo von einigen ehemaligen Mitarbeitern wiederbelebt und die Satirezeitschrift nach Le Canard enchaĂźnĂ© bald die zweitbedeutendste in Frankreich.cite-ref-13[13] Die linke Satirezeitschrift zeigte dabei zunĂ€chst ein kritisches und radikales Profil, die Auflage erreichte teilweise bis zu 90.000 Exemplare. 1995 initiierte man eine âPetition zum Verbot des Front Nationalâ, die insgesamt 150.000 Menschen unterschrieben. Im selben Jahr wurden die rechtskonservativen, katholischen Abtreibungsgegner der commandos anti-IVG (âKommandos gegen freiwilligen Schwangerschaftsabbruchâ) zur Zielscheibe des ehemaligen Chefredakteurs Philippe Val. Er kĂŒndigte an, seinerseits Anti-Gott-Kommandos aufzustellen. Im Anschluss an eine Fernsehsendung, in der er dies Ă€uĂerte, wurde er verprĂŒgelt.cite-ref-jungleworld2004-14-0[14]
Ende der 1990er Jahre folgte ein Streit ĂŒber die Ausrichtung des Magazins, der 1999 eskalierte. Anlass waren die AnnĂ€herung eines Teils der Redaktion unter FĂŒhrung von Philippe Val an die französischen GrĂŒnen und deren damaligen Spitzenkandidaten fĂŒr die Europawahl 1999, Daniel Cohn-Bendit, und Vals positive Haltung zum Kosovokrieg. Als Folge verlieĂen zwei profilierte Redakteure die Zeitschrift, die Auflage fiel in dieser Zeit von 70.000 auf unter 60.000 Exemplare. Ein im FrĂŒhjahr von Val durchgefĂŒhrter Relaunch reduzierte schlieĂlich den Textanteil zugunsten der Zeichnungen und setzte den Weg in die politische Mitte fort.cite-ref-jungleworld2004-14-1[14]
Charlie Hebdo gehörte 2006 zu den wenigen Zeitschriften, welche die Mohammed-Karikaturen aus der dĂ€nischen Jyllands-Posten nachdruckten, erweitert um eigene Karikaturen ĂŒber Muslime. Das RedaktionsgebĂ€ude wurde daraufhin von der Gendarmerie bewacht. Die Union des Organisations Islamiques de France (UOIF) sowie die GroĂe Pariser Moschee reichten Klage gegen Charlie Hebdo ein.cite-ref-15[15] 2007 sprach das zustĂ€ndige Pariser Gericht die Zeitschrift vom Vorwurf der Beleidigung frei.
Am 1. MĂ€rz 2006 veröffentlichte Charlie Hebdo das Manifest der 12, in dem sich zwölf ĂŒberwiegend aus dem islamischen Kulturkreis stammende Intellektuelle gegen den Islamismus als neue, weltweite, totalitĂ€re Bedrohung aussprachen. Zu den Unterzeichnern gehörte neben Ayaan Hirsi Ali, Salman Rushdie und neun weiteren Personen auch der damalige Directeur von Redaktion und Verlag Philippe Val.
2008 wurde der Zeichner und Kolumnist Maurice Albert Sinet (âSinĂ©â) entlassen. Er hatte gegen Jean Sarkozy und mittelbar auch dessen Verlobte Jessica Sebaoun polemisiert, wodurch Charlie Hebdo u. a. durch LICRA Anschuldigungen des angeblichen Antisemitismus ausgesetzt war. Sinet verweigerte daraufhin die von Philippe Val eingeforderte öffentliche Entschuldigung. SpĂ€ter wurden ihm wegen seiner Entlassung gerichtlich 90.000 Euro EntschĂ€digung von Charlie Hebdo zugesprochen. Auch den Antisemitismus-Prozess gegen die LICRA gewann er.cite-ref-taz-2008-08-21-a0197-16-0[16]cite-ref-the-telegraph-27-jan-2009-17-0[17]cite-ref-liberation-17-dez-2012-18-0[18]
2010 gewann das Blatt einen Rechtsstreit gegen die ultrakonservative, katholische Organisation âAllgemeine Allianz gegen Rassismus und fĂŒr Respekt der französischen und christlichen IdentitĂ€tâ (Agrif). Diese hatte geklagt, weil in einem Artikel zum Papstbesuch in Frankreich 2008 das Jesuswort âLasset die Kinder zu mir kommenâ in einen pĂ€dophilen Kontext gerĂŒckt worden sei.cite-ref-19[19]cite-ref-20[20] Die katholische Kirche fĂŒhrte insgesamt bereits 14 Prozesse gegen die Zeitschrift, die sie alle verlor.cite-ref-21[21]
Brandanschlag 2011
Am 2. November 2011 wurde auf die erst im April 2011 neu bezogenen RedaktionsrĂ€ume des Magazins am Boulevard Davout in Paris ein Brandanschlag verĂŒbt. Der Anschlag stand Medienberichten zufolge in Verbindung mit dem Abdruck einer Karikatur Mohammeds auf der Titelseite der aktuellen Ausgabe.cite-ref-22[22]cite-ref-welt-13693343-23-0[23] Zudem wurde die Internetseite des Satiremagazins gehackt. Statt der Titelseite der damals neuen Ausgabe war dort einige Stunden lang ein Bild der Moschee im saudi-arabischen Pilgerort Mekka wĂ€hrend des Haddsch zu sehen, mit der in tĂŒrkischer und englischer Sprache verfassten Botschaft: âUnter dem Deckmantel der Pressefreiheit greift ihr mit euren gehĂ€ssigen Karikaturen den groĂen Propheten des Islam an. Der Fluch Gottes soll euch treffen. Wir werden in der virtuellen Welt euer Fluch sein. Es gibt keinen Gott auĂer Allah und Mohammed ist sein Prophet.âcite-ref-24[24] Eine tĂŒrkische Hackergruppe, die sich âAkıncılarâ (Sturmreiter des Osmanischen Reichs) nennt, sandte ein Bekennerschreibencite-ref-25[25] an die französische Wochenzeitung Nouvel Observateur, gab aber an, mit dem Brandanschlag nichts zu tun zu haben.cite-ref-26[26]
Der unter seinem KĂŒnstlernamen Charb auftretende Chefredakteur StĂ©phane Charbonnier sprach auch von Droh-Mails vor dem Erscheinungstermin, die die Redaktion erhalten habe. Man hatte aufgrund des Erfolges der Islamisten (Ennahda) bei den ersten freien Wahlen in Tunesien (23. Oktober 2011) ein Sonderheft angekĂŒndigt: In Anspielung auf die Scharia wurde es Charia Hebdo genannt, als Gast-Chefredakteur war scherzhaft Mohammed auserkoren und von dem Zeichner Luz als Karikatur auf der Titelseite abgebildet worden mit den Worten: â100 coups de fouet, si vous nâĂȘtes pas morts de rire!â (â100 Peitschenhiebe, wenn Sie sich nicht totlachen!â). Der Chefredakteur betonte, dass niemand das Scharia-Sonderheft vor dem Brandanschlag gelesen haben konnte, da es erst Stunden spĂ€ter in den Handel kam, doch war die Titelseite schon zuvor im Internet sichtbar. Charbonnier bat nach dem Anschlag in einem Video vor den TrĂŒmmern um finanzielle UnterstĂŒtzung.cite-ref-27[27] Publizistisch antwortete Charlie Hebdo mit einer auf den Titel der folgenden Ausgabe gesetzten Karikatur des Zeichners Luz, die einen Moslem mit Takke und einen Karikaturisten der Zeitschrift mit Charlie Hebdo-T-Shirt bei einem Zungenkuss unter der Titelzeile âLâamour plus fort que la haineâ (âDie Liebe ist stĂ€rker als der Hassâ) zeigte.
Bei dem Anschlag wurde niemand verletzt, doch der durch Brand und Löscharbeiten entstandene Schaden war betrĂ€chtlich: BĂŒrorĂ€ume auf zwei Stockwerken, sĂ€mtliches Equipment, das Layout- und das Computer-System wurden komplett zerstört, die Website ging offline. Die Zeitung LibĂ©ration zeigte sich solidarisch, stellte der Redaktion von Charlie Hebdo ihre RĂ€umlichkeiten zur VerfĂŒgung und widmete dem Magazin eine Spezialausgabe. Die Hackergruppe âAkincilarâ drohte LibĂ©ration daraufhin mit weiteren Cyberattacken.cite-ref-taz-81481-28-0[28] Der belgische Internetprovider Host Bluevision wollte die Website wegen der Morddrohungen nicht mehr online stellen.cite-ref-spon-795751-29-0[29] Auch die Facebookseite der Zeitschrift wurde nach zahlreichen Drohungen aus dem radikalislamischen Umfeld mit der BegrĂŒndung, Charlie Hebdo sei keine Person, vom Netz genommen.cite-ref-30[30] Die Redaktion von Charlie Hebdo arbeitete etwa zwei Monate lang unter dem Dach der LibĂ©ration und zog dann in ein GebĂ€ude in der Rue Serpollet in Paris.
Die französische Ăffentlichkeit reagierte mit einer groĂen Welle der SolidaritĂ€t. PresseverbĂ€nde, der Dachverband der französischen Muslime CFCM und Politiker verurteilten den Anschlag. Der PrĂ€sident des CFCM, Mohammed Moussaoui, kommentierte die AnschlĂ€ge: âWenn es sich um einen kriminellen Anschlag handelt, verurteilen wir diesen entschiedenâ, und stellte weiter fest, dass die Tatsache, den Propheten zu karikieren, eine Beleidigung fĂŒr die Muslime darstelle. Die Karikaturen von Charlie Hebdo hĂ€tten fĂŒr ihn aber keine vergleichbare Bedeutung mit den Karikaturen von 2006.cite-ref-taz-81160-31-0[31] Der Premierminister François Fillon verurteilte in einem KommuniquĂ© noch am selben Tag âden Angriff auf die Meinungsfreiheitâ.
Mohammed-Karikaturen 2012 und 2013
Am 19. September 2012 veröffentlichte Charlie Hebdo neue Mohammed-Karikaturen. Die Karikaturen erschienen zu einem Zeitpunkt, als die Stimmung in muslimischen LĂ€ndern aufgeheizt war. Im Internet kursierende Ausschnitte aus dem islamfeindlichen Film Innocence of Muslims hatten in den Tagen zuvor wĂŒtende und blutige Proteste in den islamischen LĂ€ndern Libyen, Tunesien, Sudan und dem Jemen sowie auch in Frankreich ausgelöst, begleitet von einem bewaffneten Angriff auf das US-Konsulat in Bengasi (Libyen) am 11. September 2012. Bei den Protesten und dem Angriff wurden mindestens 15 Menschen getötet, darunter der US-Botschafter in Libyen, J. Christopher Stevens, und drei weitere Mitarbeiter der Botschaft.
Das Magazin verteidigte die Veröffentlichung der Karikaturen am Tag zuvor und verwies auf die Rede- und Pressefreiheit. Der Chefredakteur StĂ©phane Charbonnier sagte, sie seien nicht provozierender als gewöhnlich, und betonte, dass in einer Demokratie auch Satire ĂŒber Religionen möglich sein mĂŒsse. Der Radiosender France Inter zitierte Charbonnier: âWir veröffentlichen Karikaturen ĂŒber jeden und alles jede Woche. Wenn es aber um den Propheten geht, wird es Provokation genannt. Erst darf man nicht Mohammed zeichnen, dann nicht mehr einen radikalen Muslim, und jedes Mal wird es heiĂen: Das ist eine Provokation fĂŒr einen Muslim. Ist die Pressefreiheit eine Provokation? Ich rufe strengglĂ€ubige Muslime ebenso wenig auf, âCharlie Hebdoâ zu lesen, wie ich in eine Moschee gehe, um einen Diskurs anzuhören, der meinen Ăberzeugungen widerspricht. Wir halten uns an die Gesetze der Republik und des Rechtsstaats.âcite-ref-spon-856628-32-0[32]cite-ref-spon-856683-33-0[33] Die Zeichnungen wĂŒrden nur diejenigen schockieren, die schockiert sein wollen.
Die Polizei ergriff MaĂnahmen zum Schutz der RedaktionsrĂ€ume. Wegen befĂŒrchteter terroristischer Ausschreitungen durch islamistische Radikale beschloss die französische Regierung, etwa 20 französische Einrichtungen (Konsulate, Kulturcenter, internationale Schulen und einige Botschaften) zu schlieĂen.cite-ref-34[34] Die französische Regierung kritisierte Charlie Hebdo fĂŒr den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Karikaturen. Die Opposition forderte jedoch mehrheitlich, sich nicht von Drohungen einschĂŒchtern zu lassen und erpressbar zu machen. So verlangte z. B. der ehemalige französische Premierminister François Fillon, man dĂŒrfe in diesem Feld nicht nachgeben.cite-ref-spon-856683-33-1[33]
In Deutschland forderten zugleich Vertreter der CSU, darunter Johannes Singhammer und Horst Seehofer, die VerschĂ€rfung des §166 StGB (Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen);cite-ref-taz-2012-09-21-a0073-35-0[35] die Forderung wurde vom Bamberger Erzbischof Ludwig Schick unterstĂŒtzt, von muslimischen VerbĂ€nden, der evangelischen Kirche und Bundeskanzlerin Angela Merkel hingegen abgelehnt.cite-ref-taz-2012-09-21-a0073-35-1[35]cite-ref-stern-1898078-36-0[36]cite-ref-spon-857014-37-0[37]
Am 2. Januar 2013 veröffentlichte Charlie Hebdo eine Comic-Biographie von Mohammed (La Vie De Mahomet).cite-ref-38[38] Die iranische Regierung protestierte dagegen und nannte die Veröffentlichung im Voraus eine âreligiöse Beleidigungâcite-ref-39[39] beziehungsweise nach dem Erscheinen âTeil einer zionistischen Islamophobie-Kampagneâ.cite-ref-40[40] Anfang MĂ€rz 2013 wurde Charbonnier als eine von zehn Persönlichkeiten âtot oder lebendig wegen Verbrechen gegen den Islamâ in dem dem Al-Qaida-Zweig AQAP zugeschriebenen Magazin Inspire âzur Fahndungâ ausgeschrieben unter den Slogans âEine Kugel am Tag schĂŒtzt vor UnglĂ€ubigenâ und âVerteidigt den Propheten Mohammed, Friede sei mit ihmâ.cite-ref-41[41]
Anschlag 2015
â
Hauptartikel
:
Anschlag auf Charlie Hebdo
Am 7. Januar 2015 wurde wĂ€hrend der wöchentlichen Redaktionskonferenz ein islamistisch motivierter Terroranschlag auf die Mitarbeiter von Charlie Hebdo verĂŒbt, bei dem zwei maskierte MĂ€nner in die RedaktionsrĂ€ume in der Rue Nicolas-Appert, mitten im Zentrum von Paris, eindrangen und mit Sturmgewehren zwölf Menschen erschossen, darunter den Herausgeber und Zeichner StĂ©phane Charbonnier (âCharbâ), die Zeichner Jean Cabut (âCabuâ), Bernard Verlhac (âTignousâ), Philippe HonorĂ© und Georges Wolinski, den Journalisten und Mitinhaber des Blattes Bernard Maris (âOncle Bernardâ), als einzige Frau die jĂŒdische Kolumnistin Elsa Cayat, den Lektor Mustapha Ourrad sowie zwei Polizisten.cite-ref-42[42] Mindestens 20 weitere Personen wurden verletzt, einige davon schwer.cite-ref-43[43] WĂ€hrend der Tat riefen die TĂ€ter Parolen wie Allahu akbar (âGott ist am gröĂtenâ) und On a vengĂ© le prophĂšte! (âWir haben den Propheten gerĂ€chtâ).cite-ref-44[44]cite-ref-45[45]cite-ref-faz-13357436-6-1[6] Die beiden TĂ€ter wurden noch wĂ€hrend ihrer drei Tage andauernden Flucht als die BrĂŒder ChĂ©rif und SaĂŻd Kouachi identifiziert. Am 9. Januar 2015 verschanzten sie sich schlieĂlich in Dammartin-en-GoĂ«le nordöstlich von Paris in einer Druckerei.
In Verbindung mit dem Anschlag erschoss der polizeibekannte Kleinkriminelle und Dschihadist Amedy Coulibaly am 8. Januar eine Polizistin und verletzte einen StraĂenreiniger schwer. Am Tag darauf ĂŒberfiel er dann gezielt âwegen der Judenâ einen jĂŒdischen Supermarkt im Osten von Paris und nahm dort mehrere Geiseln, von denen er vier wĂ€hrend der Geiselnahme erschoss.cite-ref-interview-46-0[46]cite-ref-spon10jan-47-0[47] Er forderte freien Abzug fĂŒr die Kouachi-BrĂŒder.cite-ref-48[48] Coulibaly bestĂ€tigte einem Fernsehsender gegenĂŒber, dass er sich mit den Kouachi-BrĂŒdern âfĂŒr den Anfang dieser Operationen abgesprochenâ habe und er fĂŒr den Islamischen Staat (IS) kĂ€mpfe.cite-ref-sz-2299025-49-0[49]cite-ref-interview-46-1[46] Bei der koordinierten ErstĂŒrmung der beiden SchauplĂ€tze am frĂŒhen Abend durch die Polizei wurden alle drei AttentĂ€ter getötet.cite-ref-spon10jan-47-1[47]
Nach dem Anschlag kam es noch am selben Abend und an den darauf folgenden Tagen in zahlreichen französischen und anderen europĂ€ischen StĂ€dten zu spontanen SolidaritĂ€tskundgebungen. Allein in Paris demonstrierten am Abend des 7. Januar etwa 35.000 Menschen; viele zeigten Kerzen oder Stifte und Plakate mit der Aufschrift Je suis Charlie (âIch bin Charlieâ). Dieser Ausspruch war zuvor von Redaktionsmitgliedern auf der Internetseite von Charlie Hebdo in mehreren Sprachen veröffentlicht worden.cite-ref-50[50] Auch am 9. Januar versammelten sich Menschen zu SolidaritĂ€tskundgebungen; diesmal etwa 700.000 in ganz Frankreich.cite-ref-derstandard-2000010220141-51-0[51] Am 11. Januar beteiligten sich im Land schlieĂlich mindestens 3,7 Millionen Menschen an TrauermĂ€rschen, davon etwa 1,2 bis 1,6 Millionen am zentralen Trauermarsch in Paris. Ebenfalls anwesend waren die französische Regierung und etwa 50 Staats- und Regierungschefs.cite-ref-faz-13364673-52-0[52]
Die ĂŒberlebenden Redakteure der Zeitschrift kĂŒndigten fĂŒr den 14. Januar 2015 eine regulĂ€re Ausgabe mit dem Titel Le Journal des Survivants (âDas Journal der Ăberlebendenâ) an und erklĂ€rten, der Zeichenstift werde immer der Barbarei ĂŒberlegen sein.cite-ref-53[53] Die Arbeit begann zwei Tage nach dem Anschlag auf das BĂŒrogebĂ€ude in den RĂ€umen der linksliberalen Tageszeitung LibĂ©ration unter der Leitung des Chefredakteurs GĂ©rard Biard.cite-ref-54[54] Am 13. Januar wurde die Ausgabe, die auch BeitrĂ€ge der getöteten Zeichner und Journalisten enthielt, der Ăffentlichkeit vorgestellt. Tags darauf kam sie mit einer geplanten Auflage von drei Millionen Exemplaren in den Handel, die Erstauslieferung von einer Million war innerhalb kĂŒrzester Zeit vergriffen. Daraufhin wurde die Auflage auf zunĂ€chst fĂŒnf,cite-ref-55[55] spĂ€ter siebencite-ref-56[56] Millionen Exemplare erhöht und zudem auf der Webseite als App angeboten.cite-ref-57[57] Damit ist sie die historisch meistgedruckte Ausgabe einer Zeitschrift in Frankreich.cite-ref-58[58] Ăblicherweise werden bei einer Auflage von 60.000 etwa 30.000 Hefte verkauft. Diesmal erschien Charlie Hebdo zudem in 16 Sprachen und wurde zu mehreren hunderttausend Exemplaren (fĂŒr gewöhnlich nur knapp 4000) in 25 LĂ€nder verkauft.cite-ref-59[59] Das Titelbild zeigt die Karikatur eines weinenden Mohammed, der unter der Ăberschrift Tout est pardonnĂ© (âAlles ist vergebenâ) ein Schild mit der Aufschrift Je suis Charlie in den HĂ€nden hĂ€lt.cite-ref-faz-13368415-60-0[60]
Am 19. Januar wurde bekanntgegeben, dass der Zeichner Laurent Sourisseau (âRissâ), der das Attentat verletzt ĂŒberlebte, die Leitung des Magazins zusammen mit Chefredakteur GĂ©rard Biard ĂŒbernimmt.cite-ref-61[61] Am 1. Februar teilte die Redaktion auf ihrer Webseite mit, dass das Erscheinen der Satirezeitschrift fĂŒr einige Wochen ausgesetzt werde, da die Mitarbeiter mĂŒde und erschöpft seien.cite-ref-faz-13403583-62-0[62] Ab dem 25. Februar wurde dann wieder im ĂŒblichen Rhythmus publiziert. Die Auflage der ersten beiden regulĂ€ren Ausgaben lag bei 2,5 bzw. 1,5 Millionen Exemplaren.cite-ref-63[63]cite-ref-jw1015-64-0[64]
In den ersten zwei Monaten nach dem Attentat erzielte Charlie Hebdo allein durch ZeitschriftenÂverkĂ€ufe einen Gewinn von ĂŒber 20 Millionen Euro, zusĂ€tzlich gingen viele Spenden ein. WĂ€hrend die Einnahmen durch Spenden allein den Hinterbliebenen der Getöteten zugutekommen sollen, wird der Umgang mit den Verkaufseinnahmen noch diskutiert. Das Geld soll unter anderem dafĂŒr verwendet werden, eine Stiftung zum Thema Meinungsfreiheit zu grĂŒnden. Zudem sollen elf Redakteure bei einer Redaktionskonferenz ein Teilhabe-Modell vorgeschlagen haben, das alle Angestellten zu gleichberechtigten Teilhabern werden lĂ€sst. Bisher gehört die Zeitschrift zu jeweils 40 % den Eltern des getöteten Herausgebers Charb sowie dem verletzten Zeichner Riss und zu 20 % dem Manager Eric Portheault.cite-ref-spon0315-65-0[65]
Im April 2015 sagte der Zeichner Luz, dass er keine Mohammed-Karikaturen mehr zeichnen werde. Er sei ihrer ĂŒberdrĂŒssig wie bei Nicolas Sarkozy.cite-ref-66[66] Auch Riss erklĂ€rte gegenĂŒber dem Stern: âWir haben Mohammed gezeichnet, um das Prinzip zu verteidigen, dass man zeichnen darf, was man willâ, aber nun seien andere an der Reihe. Er selbst wĂŒrde Mohammed heute nicht mehr zeichnen.cite-ref-stern-6345878-67-0[67]
Deutsche Ausgabe 2016 bis 2017
Am 1. Dezember 2016 wurde die erste deutsche Ausgabe mit einer Auflage von 200.000 Exemplaren veröffentlicht, die zum groĂen Teil aus ĂŒbersetzten BeitrĂ€gen der französischen Ausgabe besteht. Wie die französische erschien auch die deutsche Ausgabe wöchentlich.cite-ref-68[68] Am 29. November 2017 wurde die deutsche Ausgabe wegen zu geringer Leserschaft eingestellt.cite-ref-69[69]
Weitere Entwicklung und Verurteilung der mutmaĂlichen Helfer
Am 2. September 2020, zu Beginn der Gerichtsverhandlungen gegen mutmaĂliche MittĂ€ter des Anschlags auf Charlie Hebdo, veröffentlichte Charlie Hebdo in einer Sonderausgabe die Mohammed-Karikaturen erneut.cite-ref-70[70] Am 25. September kam es vor dem BĂŒrogebĂ€ude von Charlie Hebdo in Paris zu einem Angriff, bei dem vier Personen mit einem Fleischermesser verletzt wurden, darunter zwei Personen schwer.cite-ref-71[71]cite-ref-72[72] Der mutmaĂliche TĂ€ter gestand daraufhin, dass die Motivation fĂŒr die Attacke die Wiederveröffentlichung der Karikaturen gewesen sei. Der französische Innenminister GĂ©rald Darmanin stufte den Angriff als terroristischen Akt ein, nachdem Al-Qaida eine Reaktion auf den erneuten Druck der Karikaturen angekĂŒndigt hatte.cite-ref-73[73] Am 16. Oktober wurde in Conflans-Sainte-Honorine ein Geschichtslehrer enthauptet, der die Karikaturen der Zeitschrift gezeigt hatte, nachdem sie im September neu abgedruckt worden waren. Der Lehrer wollte dabei seine Klasse bezĂŒglich Meinungs- und Pressefreiheit sensibilisieren. Der TĂ€ter wurde nach seiner Flucht von der Polizei erschossen. Infolgedessen wurden neun Personen verhaftet, welche im Zusammenhang mit dem Mord stehen sollen.cite-ref-74[74] Emmanuel Macron nannte diese Tat einen âeindeutig islamistisch motivierten Terroranschlagâ.cite-ref-75[75]
Im Dezember 2020 verurteilte ein Pariser Gericht mehrere Angeklagte wegen Beihilfe zu hohen Haftstrafen. Der Hauptbeschuldigte Ali Riza Polat wurde der Beihilfe zu Verbrechen mit Terrorhintergrund fĂŒr schuldig befunden und zu einer Haftstrafe von 30 Jahren verurteilt. 13 weitere Angeklagte wurden zu Haftstrafen zwischen vier Jahren GefĂ€ngnis und lebenslanger Haft verurteilt. Drei Angeklagte wurden zum Zeitpunkt des Urteilsspruchs mit internationalem Haftbefehl gesucht â gegen sie erging das Urteil in Abwesenheit.cite-ref-76[76]
Rezeption
Die Satirezeitschrift wird seit Anbeginn von verschiedenen Seiten, vor allem von Religionsvertretern, kritisiert. Insbesondere im Zusammenhang mit veröffentlichten Mohammed-Karikaturen und den AnschlĂ€gen kam es neben einem deutlichen Ăbergewicht an Solidarisierungsbekundungen auch zu teils scharfer Kritik und Protesten in einigen muslimischen LĂ€ndern.cite-ref-77[77] Die liberale Pariser Abendzeitung Le Monde wertete anlĂ€sslich der VorwĂŒrfe einer angeblichen Islamfeindlichkeit der Satirezeitschrift im FrĂŒhjahr 2015 alle Titel des letzten Jahrzehnts aus und belegte so, dass Charlie Hebdo sich wesentlich hĂ€ufiger ĂŒber politische Figuren oder Katholiken satirisch auslasse als ĂŒber Muslime oder Islamisten. Charlie Hebdo sei ânicht vom Islam besessenâ.cite-ref-jw1015-64-1[64]
Der MitgrĂŒnder Henri Roussel (Pseudonym âDelfeil de Tonâ) erklĂ€rte nach dem Attentat 2015, der dabei getötete Chefredakteur StĂ©phane Charbonnier (âCharbâ) habe das Team âin den Tod getriebenâ. Er frage sich, âwas ihn dazu gebracht [hat], zu denken, das Team dazu bringen zu mĂŒssen, es zu ĂŒbertreiben?â Zuvor schon hatte er âCharbâ vorgeworfen, die Zeitschrift âin ein zionistisches und islamfeindliches Organ zu verwandeln.âcite-ref-78[78] Der PrĂ€sident des umstrittenencite-ref-79[79] Islamischen Zentralrats der Schweiz, Nicolas Blancho, warf der Zeitschrift vor, mit der ersten Ausgabe nach den AnschlĂ€gen weiter âĂl ins Feuer zu gieĂenâ und âgeistige Brandstiftungâ zu betreiben, die âebenso gefĂ€hrlich wie Extremismusâ sei.cite-ref-focus-4405706-80-0[80] Der tĂŒrkische MinisterprĂ€sident Ahmet DavutoÄlu empfand die Mohammed-Karikatur der Titelseite der ersten Ausgabe nach den AnschlĂ€gen als eine âschwere Provokationâ und stufte sie als âBeleidigung des Prophetenâ ein.cite-ref-81[81] Papst Franziskus Ă€uĂerte anlĂ€sslich eines Besuchs auf den Philippinen, man dĂŒrfe sich nicht ĂŒber den Glauben der anderen lustig machen.cite-ref-82[82]
FĂŒr den Tagesspiegel kommentierte Bernd Matthies, den Anschlag im Januar 2015 hĂ€tte es âsehr wahrscheinlich [...] nicht gegeben, wenn Charbonnier rechtzeitig beschlossen hĂ€tte, seine satirischen Attacken mehr auf die französische Regierung, auf Marine Le Pen oder andere mĂ€chtige SchlĂŒsselgestalten der Politik zu fokussierenâ. Das Attentat sei damit zwar nicht entschuldigt, aber âes enthebt Satiriker nicht der Pflicht, ĂŒber die Ziele ihrer Arbeit nachzudenkenâ.cite-ref-tagesspiegel-11242494-83-0[83] In einer Replik kritisierte Gideon Böss dies scharf als eine Relativierung und somit Entschuldigung des Verbrechens: âWer nicht mutig genug ist, die Pressefreiheit gegen die zu verteidigen, die sie gewaltsam bekĂ€mpfen, muss sich dafĂŒr nicht rechtfertigen. [...] Wenn andere aber mutiger sind, sich den Feinden der Freiheit entgegenstellen und dafĂŒr einen fĂŒrchterlichen Preis zahlen, sollte man als Feigling zumindest den Anstand haben, ihnen nicht âselbst schuldâ ins Grab nachzurufen.âcite-ref-84[84]
In einem Kommentar in der taz wandte sich Deniz YĂŒcel vehement sowohl gegen die Vereinnahmung der dezidiert linksliberalen Zeitung und der Ermordeten durch rechte Islamfeinde als auch gegen die wieder aufflammende und schon in den Vorjahren regelmĂ€Ăig vorgetragene Kritik an Charlie Hebdo, religiöse GefĂŒhle zu verletzen, zu âprovozierenâ und somit letztlich eine Mitschuld zu tragen. Ebenfalls kritisierte er die Haltung, âdie Morde von Paris hĂ€tten nichts mit dem Islam zu tunâ, da es âden Islamâ nicht gebe. Er erinnerte daran, dass Charlie Hebdo stets alle Seiten verspottet habe.cite-ref-85[85]
Der Islamkritiker Hamed Abdel-Samad sieht in den Karikaturen von Charlie Hebdo ein Geschenk fĂŒr Muslime. Sie seien eine Chance, âentspannter mit heiligen Texten und Symbolfiguren umzugehenâ und âzu lernen, dass nur schwache Gedanken eine hohe Mauer der EinschĂŒchterung brauchen, um sie zu beschĂŒtzenâ. Die Karikaturen seien âeine Art Schocktherapieâ, um zu erkennen, dass nicht das Ansehen des Islam im Westen das Problem ist, âsondern was in seinem Namen geschiehtâ.cite-ref-86[86]
Das PEN American Center verlieh der Zeitschrift im Mai 2015 einen Preis fĂŒr Meinungsfreiheitcite-ref-87[87] und im September 2015 erhielt das Magazin im Rahmen der internationalen Medienkonferenz M100 Sanssouci Colloquium in Potsdam den M100 Media Award fĂŒr das Recht auf freie MeinungsĂ€uĂerung.cite-ref-88[88]
Als Nebenschauplatz ist der Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion 2015 in die Handlung des Romans Oberkampf, der im August 2020 erschien, von Schriftsteller Hilmar Klute eingewoben.
Literatur
âą Anna Gvelesiani: Kampf um das freie Wort. Zur Semantik von Pressefreiheit und Zensur in den deutschen und französischen âCharlieâ-Debatten (2015â2017). Königshausen & Neumann, WĂŒrzburg 2023 (zugl.: Diss. Rheinische Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t Bonn und Sorbonne UniversitĂ©), ISBN 978-3-8260-7552-0.
âą Philippe Lançon: Der Fetzen. Ăbersetzt von Nicola Denis. Dtv, MĂŒnchen 2020, ISBN 978-3-423-14775-0.
âą Didier Pasamonik: Charlie Hebdo (Frankreich, 1970â1981 und seit 1992). In: Handbuch des Antisemitismus. Hrsg. von Wolfgang Benz. Band 6: Publikationen. De Gruyter, Berlin 2013, ISBN 978-3-11-025872-1, S. 89â91.
âą Jane Weston: Charlie Hebdo and Joyful Resistance. In: John Parkin, John Phillips (Hrsg.): Laughter and Power. Peter Lang, Bern 2006, ISBN 978-3-03910-504-5, S. 209â242 (Exzerpt (Google)).
Weblinks
Commons
: Charlie Hebdo
â Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
âą Website von Charlie Hebdo
Einzelnachweise
cite-note-mcnab-2006-26-11. James P. McNab: Bloc-notes culturel: lâannĂ©e 2005. In: The French Review. Band 80, 2006, S. 16â29, hier S. 26: "Georges Bernier, the real name of 'Professor Choron', [... was] cofounder and director of the satirical magazine Hara Kiri, whose title was changed (to circumvent a ban, it seems!) to Charlie Hebdo in 1970."
cite-note-22. Nach Anschlag: âCharlie Hebdoâ erscheint in Auflage von einer Million. In: Spiegel Online. 8. Januar 2015, abgerufen am 9. Januar 2014.
cite-note-lemonde-20060214-33. â Pascale Santi: Cavanna et « les cons ». Le Monde, 14. Februar 2006 (französisch).
cite-note-44. â Ăbersetzung von hebdomadaire auf leo.org.
cite-note-55. â »Wir sind keine Provokateure«, Jungle World (45/2011), 10. November 2011.
cite-note-77. â Das Manifest der Zwölf. In: FAZ.net, 7. Januar 2015.
cite-note-88. â Frankreich: Ein Blatt fĂŒr jede Gruppe, Jungle World (11/2013), 14. MĂ€rz 2013.
cite-note-99. â « Charlie Hebdo », 22 ans de procĂšs en tous genres. In: lemonde.fr, 8. Januar 2015 (französisch).
cite-note-1010. â Moritz Piehler: Getötete âCharlie Hebdoâ-Karikaturisten: Vier spitze Federn. In: Spiegel Online. 8. Januar 2015, abgerufen am 9. Januar 2014.
cite-note-1212. â PortrĂ€t der Satire-Zeitschrift "Charlie Hebdo": Im Clinch mit religiösen Eiferern (Memento vom 8. Januar 2015 im Internet Archive) In: Tagesschau.de, 7. Januar 2015.
cite-note-1313. â Jane Weston: Charlie Hebdo and Joyful Resistance, S. 209.
cite-note-jungleworld2004-1414. â Was linke Franzosen lesen. In: jungle-world.com, 7. Juli 2004.
cite-note-1515. â StĂ©phanie Le Bars: La Grande MosquĂ©e de Paris justifie son procĂšs contre "Charlie Hebdo". In: Le Monde. 2. Februar 2007, abgerufen am 2. September 2025 (französisch).
cite-note-the-telegraph-27-jan-2009-1717. â French cartoonist Sine on trial on charges of anti-Semitism over Sarkozy jibe. 17. Januar 2009, abgerufen am 3. Februar 2015.
cite-note-liberation-17-dez-2012-1818. â "Charlie Hebdo" doit verser 90 000 euros Ă SinĂ©. 17. Dezember 2008, abgerufen am 3. Februar 2015.
cite-note-1919. â Anschlag auf französisches Satire-Magazin. Blick, archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 4. November 2011; abgerufen am 2. November 2011.
cite-note-2020. â Anschlag auf französisches Satiremagazin. In: dw-world.de. 31. Dezember 2014, abgerufen am 7. Januar 2015.
cite-note-2121. â PortrĂ€t der Satire-Zeitschrift âCharlie Hebdoâ: Im Clinch mit religiösen Eiferern (Memento vom 8. Januar 2015 im Internet Archive) In: Tagesschau.de, 7. Januar 2015.
cite-note-2222. â Anschlag auf französisches Satire-Magazin. Spiegel Online, abgerufen am 2. November 2011.
cite-note-2424. â Le siĂšge de Charlie Hebdo incendiĂ©, son site internet piratĂ©. (Mit der Abbildung der gehackten Site)
cite-note-2525. â AKINCILAR Charlie Hebdo Attack Explanation. Archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 5. MĂ€rz 2016; abgerufen am 18. September 2012.
cite-note-2626. â Qui sont les hackers de «Charlie Hebdo»? In: Nouvel Observateur, 3. November 2011.
cite-note-2727. â Aufrecht, furchtlos, radikal
cite-note-spon-795751-2929. â Morddrohungen von Islamisten: Satire-Zeitung darf nicht mehr online gehen. In: Spiegel Online. 3. November 2011, abgerufen am 7. Januar 2015.
cite-note-3030. â Charlie Hebdo: le compte Facebook bloquĂ©, lâhebdo rĂ©imprimĂ©. In: Ouest-France, 4. November 2011.
cite-note-spon-856628-3232. â âCharlie Hebdoâ: Pariser Satire-Zeitung zeigt neue Mohammed-Karikaturen. In: Spiegel Online. 19. September 2012, abgerufen am 7. Januar 2015.
cite-note-spon-856683-3333. â Stefan Simons: Mohammed-Bilder in Satire-Magazin: Frankreich will nach Karikaturen-Abdruck 20 Botschaften schlieĂen. In: Spiegel Online. 19. September 2012, abgerufen am 7. Januar 2015.
cite-note-3434. â https://www.telegraph.co.uk/news/worldnews/europe/france/9553722/France-to-close-schools-and-embassies-fearing-Mohammed-cartoon-reaction.html
cite-note-spon-857014-3737. â Proteste gegen Mohammed-Video: Seehofer will Blasphemie hĂ€rter bestrafen. In: Spiegel Online. 20. September 2012, abgerufen am 15. Januar 2015.
cite-note-3838. â Huffington Post Uk: French Weekly Publishes 'Halal' Cartoon Life Of Prophet Muhammad. In: huffingtonpost.co.uk. 2. Januar 2013, abgerufen am 15. Januar 2015 (englisch).
cite-note-3939. â Charlie Hebdo â Mohammed wird zum Comic-Helden. In: Kölner Stadt-Anzeiger. 2. Januar 2013, abgerufen am 9. Januar 2015.
cite-note-4040. â Iran condemns Islamophobic cartoons. In: presstv.ir. 8. Januar 2013, archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 7. Januar 2015; abgerufen am 7. Januar 2015.
cite-note-4141. â Dashiell Bennett: Look Who's on Al Qaeda's Most-Wanted List. In: thewire.com. 1. MĂ€rz 2013, archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 17. November 2015; abgerufen am 8. Januar 2015 (englisch).
cite-note-4242. â Tathergang in Paris â Ein schnell und kaltblĂŒtig ausgefĂŒhrter Massenmord. welt.de, abgerufen am 9. Januar 2015.
cite-note-4343. â Par Luc Le Vaillant: En direct â «Charlie Hebdo»: «La France touchĂ©e dans son cĆur», pour Valls. In: liberation.fr. 7. Januar 2015, abgerufen am 7. Januar 2015.
cite-note-4444. â Anschlag auf âCharlie Hebdoâ: Frankreich jagt die AttentĂ€ter. Spiegel Online, abgerufen am 7. Januar 2015.
cite-note-4545. â Satirezeitung in Paris angegriffen. tagesschau.de, abgerufen am 7. Januar 2015.
cite-note-interview-4646. â Interview mit Amedy Coulibaly in deutscher Ăbersetzung (online)
cite-note-spon10jan-4747. â Geiselnahme in Paris: Wenig Aufmerksamkeit fĂŒr die jĂŒdischen Opfer. In: Spiegel Online. 10. Januar 2015, abgerufen am 11. Januar 2015.
cite-note-4848. â Weiteres Geiseldrama bei Paris: Terrorist Coulibaly fordert freien Abzug fĂŒr Kouachi-BrĂŒder - sonst will er Geiseln töten. In: express.de. 9. Januar 2015, archiviert vom Original (nicht mehr online verfĂŒgbar) am 9. Januar 2015; abgerufen am 9. Januar 2015 (englisch).
cite-note-sz-2299025-4949. â Terror in Frankreich: IS-Video von Coulibaly online. In: sueddeutsche.de. 11. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
cite-note-5050. â Je suis Charlie. Charlie Hebdo, 7. Januar 2015, archiviert vom Original am 7. Januar 2015; abgerufen am 7. Januar 2015.
cite-note-derstandard-2000010220141-5151. â Hunderttausende gedachten in Frankreich der Terroropfer. In: derstandard.at. 10. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
cite-note-5353. â Auf Französisch: Le crayon sera toujours au dessus de la barbarie, wobei das Wort barbarie (âBarbareiâ) rot gesetzt war; auf der Startseite (Memento vom 10. Januar 2015 im Internet Archive) von Charlie Hebdo, abgerufen am 8. Januar 2015.
cite-note-5454. â Charlie Hebdo: NĂ€chste Ausgabe erscheint mit einer Million Exemplaren. In: rp-online.de. 9. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
cite-note-5555. â https://web.archive.org/web/20150306103435/http://kurier.at/kultur/medien/ansturm-auf-charlie-hebdo-hefte-setzt-sich-fort/108.040.236
cite-note-5656. â Nach wenigen Minuten ausverkauft. In: tagesschau.de. 17. Januar 2015, archiviert vom Original am 18. Januar 2015; abgerufen am 17. Januar 2015.
cite-note-5757. â charliehebdo.fr, abgerufen am 17. Januar 2015.
cite-note-5858. â Von Trauer gezeichnet, FAZ, 13. Januar 2015.
cite-note-5959. â Erscheinungstermin ungewiss: "Charlie Hebdo" pausiert. In: Spiegel Online. 2. Februar 2015, abgerufen am 2. Februar 2015.
cite-note-6161. â Le dessinateur Riss devrait succĂ©der Ă Charb Ă la tĂȘte de «Charlie Hebdo» (Memento vom 22. Januar 2015 im Internet Archive), liberation.fr, 19. Januar 2015.
cite-note-6363. â Neue Ausgabe erscheint in Auflage von zweieinhalb Millionen, spiegel.de, 23. Februar 2015.
cite-note-jw1015-6464. â Bernhard Schmid: Der Neustart von Charlie Hebdo. In: jungle-world.com. 5. MĂ€rz 2015, abgerufen am 6. MĂ€rz 2015.
cite-note-spon0315-6565. â Extra-Einnahmen nach Anschlag: âCharlie Hebdoâ-Mitarbeiter streiten ĂŒber Geld. In: Spiegel Online. 21. MĂ€rz 2015, abgerufen am 21. MĂ€rz 2015.
cite-note-6666. â Wilhelm Sinkovicz: "Charlie Hebdo"-Zeichner: Keine Mohammed-Karikaturen mehr. In: diePresse.com. 30. April 2015, abgerufen am 9. August 2015.
cite-note-6868. â Medien: "Charlie Hebdo" kommt nach Deutschland. In: Zeit Online. 30. November 2016, archiviert vom Original am 3. Dezember 2016; abgerufen am 2. Dezember 2016.
cite-note-6969. â Deutsche Ausgabe von "Charlie Hebdo" wird eingestellt. In: tagesspiegel.de, 28. November 2017.
cite-note-7070. â tagesschau.de: "Charlie Hebdo" veröffentlicht Mohammed-Karikaturen erneut. Abgerufen am 2. September 2020.
cite-note-7272. â Vier Verletzte bei Messer-Angriff in Paris. Abgerufen am 25. September 2020.
cite-note-7676. â 30 Jahre Haft fĂŒr Hauptangeklagten. In: tagesschau.de, 16. Dezember 2020 (abgerufen am 17. Dezember 2020).
cite-note-7777. â Erneut Tote bei Protesten in Niger (Memento vom 18. Januar 2015 im Internet Archive), tagesschau.de, 17. Januar 2015.
cite-note-7878. â Text erschienen im Magazin Nouvel Obs, zitiert von Telegraph und Spiegel, hier zitiert nach Focus: Schwere VorwĂŒrfe: âCharlie Hebdoâ-MitgrĂŒnder: Chefredakteur trieb Team in den Tod, Focus Online, 15. Januar 2015.
cite-note-7979. â Zwietracht unter den Muslimen, NZZ, 18. April 2010.
cite-note-focus-4405706-8080. â Julian Rohrer: Kritik an der neuen Ausgabe: Schweizer Islamrat: âCharlie Hebdoâ ist vulgĂ€r, provokant und ein Brandstifter. In: Focus Online. 14. Januar 2015, abgerufen am 15. Januar 2015.
cite-note-8181. â âCharlie Hebdoâ â Davutoglu kritisiert Mohammed-Karikatur auf Titelseite, FAZ, 15. Januar 2015.
cite-note-8282. â Papst Franziskus: âMan darf sich nicht ĂŒber den Glauben der anderen lustig machenâ, sĂŒddeutsche.de, 16. Januar 2015, abgerufen am 17. Januar 2015.
cite-note-tagesspiegel-11242494-8383. â Bernd Matthies: Was âCharlie Hebdoâ falsch gemacht haben könnte. In: tagesspiegel.de. 17. Januar 2015, abgerufen am 3. Februar 2015.
cite-note-8484. â Gideon Böss: Sie waren Charlie, jetzt sind sie wieder sie selbst (Memento vom 3. Februar 2015 im Internet Archive), Böss in Berlin auf welt.de, 17. Januar 2015.
cite-note-8585. â Jede Menge falsche Freunde, taz.de, 8. Januar 2015.
cite-note-8686. â Muslime, traut euch doch, ĂŒber Mohammed zu lachen!, Die Welt, 2. Februar 2015.
cite-note-8787. â SĂ€kularismus ist keine französische SpezialitĂ€t, jungle-world.com, 13. Mai 2015.
cite-note-8888. â Spiegel Online vom 18. September 2015, Umstrittene Satire: "Charlie Hebdo"-Chefredakteur verteidigt Karikatur von ertrunkenem Jungen